Herr Prof. Denecke, was verbirgt sich hinter dem Namen RACOON-MARDER?
Das Projekt, das ich mir ausgedacht habe, heißt RACOON-MARDER.
MARDER ist ein Akronym und steht im Prinzip für KI-Forschung an Leber-MRT-Daten. Der Name ist – ähnlich wie das Mutterprojekt RACOON, der Waschbär – an die Zoologie angelehnt. So ist das Ganze entstanden.
Mit MARDER möchten wir das Netzwerk Universitätsmedizin und RACOON nutzen, um rasch große Datenmengen zusammenzutragen, die gut ausgewählt sind und einheitlich immer dasselbe Szenario abbilden: die Situation von Patienten mit einem erhöhten Risiko, ein hepatozelluläres Karzinom (HCC) zu entwickeln. Dieses erhöhte Risiko besteht in der Regel aufgrund einer chronischen Lebererkrankung, etwa einer Leberzirrhose oder Leberfibrose.
Unser Ziel ist es, den Zeitpunkt vor der Entstehung des bösartigen Tumors zu erfassen, um zu untersuchen, ob wir mithilfe künstlicher Intelligenz ein HCC vorhersagen können. Anders gesagt: Wir möchten einem Patienten bereits im Vorfeld ein individuelles Risiko zuschreiben, später ein hepatozelluläres Karzinom zu entwickeln.
Warum ist das so wichtig? Patienten mit einem erhöhten Risiko werden in Screening-Programme aufgenommen. Das betrifft sehr viele Menschen. Entsprechend ist ein solches Screening aufwendig und teuer, wenn am Ende nur vergleichsweise wenige Tumoren entdeckt werden.
Derzeit erfolgt das Screening in der Regel mittels Ultraschall, auch ohne Ultraschall-Kontrastmittel oder ähnliches. Dabei besteht jedoch die Schwierigkeit, dass man nicht immer die gesamte Leber beurteilen kann oder kleine Tumoren, die sich besonders gut behandeln ließen, nicht frühzeitig erkennt.
Man könnte diese Patienten natürlich stattdessen mit einem besseren bildgebenden Verfahren wie der MRT untersuchen. Die MRT ist zwar strahlenfrei, aber auch deutlich teurer. Das bedeutet, man investiert sehr viel, um wenige Fälle herauszusammeln, bei denen man ein hepatozelluläres Karzinom früher und wirksamer behandeln kann.
Hinzu kommt ein zweites Problem: die begrenzte Ressource MRT. Sowohl die Geräte als auch die Menschen, die sie bedienen – unsere MTRs – sind knapp. Die notwendigen Kapazitäten könnten wir daher gar nicht bereitstellen.
Der entscheidende Punkt ist deshalb, eine Subpopulation zu identifizieren, bei der das Risiko, ein hepatozelluläres Karzinom zu entwickeln, so hoch ist, dass sich der Einsatz der teuren und nur begrenzt verfügbaren MRTs für regelmäßige Untersuchungen lohnt. Genau hier setzen wir an. Dieses individuelle Risiko möchten wir mithilfe der KI-Auswertung bereits vorhandener MRT-Bilder vorhersagen.
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz in dem Projekt?
Ich denke, ohne KI funktioniert dieses Projekt nicht.
Was wir suchen, sind wahrscheinlich Vorstufen eines HCC. Diese können bekanntermaßen in bestimmten kontrastmittelgestützten MRT-Aufnahmen erkannt werden – sogenannte dysplastische Knoten.
Allerdings verläuft die Entwicklung vom dysplastischen Knoten zum Leberzellkrebs manchmal deutlich schneller oder überspringt möglicherweise sogar einzelne Zwischenstufen. Das können wir nur vermuten, weil wir nicht in jedem Fall zuvor einen solchen Knoten nachweisen.
Man muss außerdem wissen, dass eine Zirrhoseleber voller Knoten unterschiedlichster Größe, Form, Farbe oder Graustufen – es ist ja viel schwarz-weiß bei uns in der Radiologie – so dass in diesem Rauschen der entscheidende Knoten für das menschliche Auge vielleicht untergeht.
Genau hier setzen wir auf die künstliche Intelligenz. Sie soll durch ihre enorme Rechenleistung die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen finden und jene Befunde erkennen, die darauf hindeuten, dass sie sich auf dem Weg befinden, zu einem hepatozellulären Karzinom zu entarten – und zwar früher, als es dem menschlichen Auge möglich wäre.